Antiquariate im Rhein Main Gebiet

Antiquare auf Rädern

Eine kleine Reminiszenz an den Berliner Bücherkarren
Vor einigen Jahren besuchte ich Berlin. Dort sprach ich mit Personen, die noch eine heute fast vergessene, besondere Form des Antiquariatsbuchhandels kannten: Den Bücherkarren.
Die Geschichte des Bücherkarrens ist unerforscht. Wann genau er zum ersten Mal auftauchte, weiß man nicht. Vermutlich im späten 19. Jahrhundert, als es einen enormen Aufschwung für den Antiquariatsbuchhandel gab. In Städten wie London könnten die ersten Karren gestanden haben. Die Idee eines mobilen Antiquariats verbreitete sich schnell. Ideale Voraussetzungen hatten Universitätsstädte mit stark belebten Straßenecken und entsprechenden Nachschubmöglichkeiten.
Die Karren waren stabile Holzwagen, etwa drei Meter lang und eineinhalb Meter hoch. Darauf fest montiert waren Buchregale, die wiederum durch eine ausziehbare Verschlusslade geschützt wurden. Eine "Billigvariante" hatte nur eine Mittelstange mit einer einfachen Zeltplane, die zurückgeschlagen wurde. Der Platz reichte etwa für 300 - 500 Bücher je nach Größe und Gewicht. Die Bücherkarren hatten in der Regel einen festen Standort, zogen also nicht wahllos in der Stadt umher. Dieser Standort war aus verkehrstechnischen Gründen nicht direkt an der Straße, sondern einige Meter davon versetzt auf dem Bürgersteig gelegen. Wenige Meter davon entfernt, lag der Übernachtungsplatz, zu dem der Karren abends geschoben wurde. Meist war dies ein Hausflur, Keller oder abschließbarer Schuppen, der für ein günstiges Entgelt angemietet wurde. Eine Art "Standgebühr" wurde an den Hausbesitzer, vor dessen Haus der Karren tagsüber stand, entrichtet. Die Kosten dürften erschwinglich gewesen sein. Der Straßenhandel, der zu allen Jahreszeiten, bei Wind und Wetter, Regen oder Schnee stattfand, war körperlich anstrengend. Eine Toilette gab es nur mit viel Phantasie und guten Beziehungen zur Nachbarschaft, Sitzgelegenheiten hatte der ermüdete Antiquar - wenn überhaupt - nur in Form eines kleinen Hockers. Dies dürfte ein Grund gewesen sein, dass es Frauen an Bücherkarren nicht gab, bis auf eine Ausnahme, auf die ich noch zu sprechen komme. Verkauft wurde preisgünstiges Lesefutter, Broschüren, Zeitschriften, Unterhaltungsromane. Wichtig war eine schnell verkäufliche Ware. Entsprechend moderat waren Verkaufspreise, überteuerte Bücher gab es selten. Dennoch war es üblich, den Preis noch etwas herunterzuhandeln. Die Qualität des Angebots hing von den Vorkenntnissen des Verkäufers ab, es gab aber auch Händler, die Wert auf ein besseres Angebot legten und entsprechend das Sortiment mit alten Drucken, Fach- und Sachbüchern aufstockten. Händlerische Unkenntnis führte gelegentlich zu bibliophilen Funden. So schrieb Reinhard Weinhold bereits 1911, dass er bei einem Spaziergang an einem Bücherkarren vorbei kam und dort für 30 Pfennig die englische Briefausgabe der Lady Montague erwarb, die ansonsten im stationären Antiquariatsbuchhandel nicht unter 100. - Mark zu finden war.
Für den Ankauf war der Bücherkarren ideal. Oftmals wurde die Ware von den Kunden mitgebracht. Auch getauscht wurde viel. Manche Antiquare hatten gute Kontakte zu Altpapierhändlern, die meist die Bücher direkt an den Stand bzw. ins Außenlager fuhren. Kunden liebten das "Schwätzchen" am Karren. Dabei ging es nicht immer nur um Bücher, sondern um Gespräche jeglicher Art. Der Berliner Heinz Eller (1923 - 2014) erinnerte sich, dass er die Karren gerne als Jugendlicher aufsuchte. "Am Bücherkarren gab es nie miese Gesichter, dafür viele interessante Geschichten. Da war immer was los!" Es war keine Seltenheit, dass fünf oder sechs Kunden gleichzeitig sich auch untereinander austauschten. Es gab aber auch unangenehme Zeitgenossen, die sich gerne recht lange, oftmals zu lange, aufhielten. Dies beschrieb Anton Sailer amüsant in seinem kleinen Beitrag "Büchernarren an Bücherkarren": 'Natürlich gab es auch an den Karren Gratisleser. Einen dieser 'treuen' Kunden konnte ich oft beobachten, er las nämlich an drei Karren jeweils Verschiedenes. An jedem griff er sofort nach 'seinem' Schmöker und las voll Gemütsruhe ein - zwei Kapitel weiter. Als Lesezeichen diente ihm jeweils eine entwertete U-Bahnfahrkarte. Und es kam ein Tag, da wurde ich Zeuge, dass ein Büchermann ihm ein anderes Buch mit den Worten hinlegte: 'Nischt für ungut, Ihren Roman habe ich gestern verkauft. Hier ist was Neues in Ihrem Genre - aber ich empfehle Ihnen, schneller zu lesen!'"
Der Berliner Wolfgang Staschen (1927 - 2012) betrieb ein Ladenantiquariat im Stadtteil Schöneberg, Potsdamer Straße 138. In den Jahren 1958 - 59 hatte er in der Motzstraße/Maaßenstraße einen Bücherkarren stehen. Die Zeit vor dem Mauerbau war die zweite große Bücherkarrenphase in Berlin. Die Stadt war von starken Kriegsschäden geprägt und befand sich im Wiederaufbau. Vorsichtig geschätzt gab es 20 - 30 Karren über die Stadt verteilt. Auch Eckard Düwal, der heute ein Antiquariat im Stadtteil Charlottenburg betreibt, stand als junger Student mit einem Bücherkarren am Steinplatz. Weitere Standorte waren: Humboldt - Universität, Gendarmenmarkt, Nollendorfplatz und Kurfürstendamm mit Seitenstraßen.
Die einzig mir bekannte Frau, die in Berlin einen Bücherkarren hatte, war Jeane Mammen (1890 - 1976). Mit Beginn des Nationalsozialismus in den Jahren 1933 - 1938 zog sich die Künstlerin in die "innere Emigration" zurück. In einem kleinen Atelier lebte sie unter ärmlichen Verhältnissen. "Kurfürstendamm 29, Hinterhaus, vierter Stock. Im September 1919 bezog Jeanne Mammen das vormalige Atelier eines jüdischen Fotografen, bestehend aus zwei kleinen Räumen, kein elektrisches Licht, keine Küche, kein Bad, kein Telefon. 'Künstler brauchen das nicht', hatte der Vermieter erklärt. Dafür gab es Gasbeleuchtung, und es ging 96 Stufen hinauf; Toilette eine halbe Etage höher. Noch einmal zwölf Stufen" (Gerd Pressler in ART/Heftarchiv - Ausgabe: 2 / 1997). Tagsüber zog sie mit einem Bücherkarren durch die Seitenstraßen des Kurfürstendamms. Zu ihrem Verkaufssortiment gehörten antiquarische Kunstzeitschriften, Stiche und druckgrafische Blätter. Auf dem Dach des Karrens thronte die "Lächelnde Berolina", eine Drahtplastik von Hans Uhlmann, die erhalten geblieben ist und sich heute im Jeanne- Mammen - Archiv befindet, jedoch der Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur gehört. Der Bücherkarren von Jeanne Mammen unterschied sich etwas von den üblichen Karren: Er hatte vorne zusätzlich einen ausklappbaren Tisch mit einem Vordach zum Unterstellen. Im Jeanne - Mammen - Archiv sind interessante Fotos davon erhalten geblieben. Leider sind diese für eine Reproduktion ungeeignet.
Das Thema hielt auch Einzug in die Literatur. Der Schriftsteller Paul Gurk (1880 - 1953) verfasste in den Jahren 1923 bis 1925 einen Roman namens "Berlin". Die Hauptfigur, Eckenpenn genannt, verkauft antiquarische Bücher mit einem Bücherkarren. "Stehen Sie schon lange hier? Seit zweimal zwanzig Jahren. Mein Wagen übernachtet dort im Hause. Man kennt mich. Mittags frühstücke ich in einer Kaffeestube. Abends verkaufe ich Bücher in den Lokalen und Studentenkneipen. Dann gehe ich in meine Schlafstelle." Das Buch versteht sich als Innenspiegel eines alternden Menschen in der Großstadt, "ein Buch vom Sterben der Seele". Über den Berufsalltag, die Hintergründe und die wirtschaftlichen Probleme des Händlers erfährt der Leser wenig. Bemerkenswert, dass Gurk seine literarische Figur einmal als "Büchertrödler" und dann wieder als Buchhändler bezeichnet. "Wir wurden immer von unserer Kundschaft als Antiquare respektiert, mit Buchtrödlern hatte dies nichts zu tun" erinnerte sich Wolfgang Staschen.
Wann genau das "rollende Antiquariat" wieder aus dem Berliner Stadtbild verschwand, ist schwer zu ermitteln. Es dürfte Mitte der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts gewesen sein. Inzwischen gab es wieder genug Ladengeschäfte zu erschwinglichen Mieten. Der Handel mit Büchern unter freiem Himmel fand jetzt nur noch am Wochenende auf Floh- und Trödelmärkten statt.
Michael Eschmann
Weiterführende Literatur:

Gurk, Paul: Berlin. Darmstadt, Agora Verlag, 1980.

Krause, A. Der Bücherkarren. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel - Frankfurter Ausgabe - Nr. 49, 20. Juni 1958, A 779 - 783.

Kemsys, Walter: Zwanzig Jahre Bücherkarren. Erinnerungen eines "fliegenden Buchhändlers". Mit Bildern von Erich Büttner. Berlin 1930. 24 Seiten mit Textabbildungen. Gestiftet von Erich Büttner und Bendix & Lemke zum Feste des 25- jährigen Bestehens des Berliner Bibliophilen-Abends am 15. März 1930.

Mueller, Wolf: Aus der Krabbelkiste. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel - Frankfurter Ausgabe - Nr. 22, 17. März 1950, A 222.

Sailer, Anton: Büchernarren an Bücherkarren. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel - Frankfurter Ausgabe - Nr. 70, vom 31. August 1979, A 281 - 282.

Weinhold, Reinhard. Das "fliegende" Antiquariat in Berlin. In: Otto Maiers Anzeiger für den Buchhandel, Nr. 22 (1911/12) S. 443 f. Nachgedruckt in: Wandelhalle der Bücherfreunde, April 2011, S. 1 - 3.

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