Antiquariate im Rhein Main Gebiet

Tiere im Antiquariat
Viele Antiquare sind bekennende Tierfreunde, ich bin auch einer. Die Wertschätzung zum Tier drückt sich bereits in der Namensgebung des Antiquariats aus: Bücherbär, Buchesel, Buchmaus, Leseratte, Rabe und Trüffelschwein sind nur eine kleine Aus­wahl.
An erster Stelle der Beliebtheitsskala steht die Katze, das „heimliche“ Wappentier dieses Berufsstandes. Warum gerade sie es geschafft hat, der „Liebling“ vieler Kollegen zu werden, ist unerforscht. Vermutlich liegt es an einer Art „Seelen­verwandtschaft“. Manches haben Antiquar und Katze gemeinsam: schwer in soziale Systeme integrierbar, bedingt nur erziehbar, stark ortsgebunden und je nach Temperament hat man es mit einem einsamen Jäger oder einem verfressenen, schläfrigen Typ zu tun. Gleich nach der Katze folgt der Hund. Gibt es einen typischen Antiquariatshund? Dies ist schwer zu sagen. Ginge es nach mir, wäre es die englische Bulldogge. Bei ausländischen Kollegen ist diese stärker verbreitet, in deutschen Antiquariaten hingegen sehr selten zu finden, ich persönlich durfte nur ein Exemplar dieser Rasse kennenlernen. Diesem Tier wird Unrecht getan, nicht nur, dass man ihm eine grimmige, beinahe unfreundliche Schnauze angezüchtet hatte, nein, auch die bullige, kleine Statur, signalisiert falsche Signale: gefährliche Kampfbereitschaft. Dadurch gerät der Hund – übrigens das einstige Aushängeschild der satirischen Zeitschrift „Simplicissimus“ – schnell in die Ecke aggressiver Artgenossen. In Wirklichkeit besitzt er ein gutmütiges, fast liebevolles Wesen, das erst spät zum Ausdruck kommt, auch hier gibt es Parallelen zu manchem Kollegen.
Die Eule, das „offizielle“ Wappentier der Buchhändler, ist hier nicht Gegenstand meiner kleinen Abhandlung. Die umfassende kulturgeschichtliche Bedeutung wäre einen eigenen Beitrag wert. Außerdem geht es mir um die emotionale Bindung von Mensch und Tier im Antiquariat. Einen Kollegen der hingegen mit einer lebenden Eule zusammenleben durfte, ist mir bis heute nicht bekannt. Ein anderer Vogel allerdings, einen Papagei, gab es tatsächlich in einem Fall, hierzu folgt ein Extrabericht zu einem späteren Zeitpunkt.
Zwei Tierarten haben es im Antiquariat weit gebracht: Wurm und Maus. Ihr Erscheinen ist in den Buchbeschreibungen dokumentiert und wird somit auch für zukünftige Generationen amüsant zu lesen sein. Man erfährt von einem „kleinen Wurmgang“ und „kurzen Wurmgang“ aber auch von einem „unwesentlichen Wurmgang“. Besonders gut hat mir folgender Hinweis gefallen, „anfangs kleiner Wurmgang im weißen Rand, später nur noch als Wurmlöchlein (vorhanden)“. Hier fragt man sich doch, was ging in dem Wurm vor? Hat er sich erst vollgefressen und ist dann plötzlich „geschrumpft“, um über die „Hintertür“, dem sogenannten „Wurmlöchlein“, abzuhauen? Aber auch die Maus hat ihre Tücken, indem sie Belege ihrer Tätigkeit, eine Art genetischen „Fingerabdruck“, hinterlässt. „Spuren von Mäusefrass (Unschön!)“, lese ich in einer Beschreibung, dabei quält mich die Frage: Gibt es auch „schönen“ Mäusefrass? Bemitleidenswerte Opfer sind jedoch Bücher, die von beiden, Wurm und Maus, gleichzeitig angefallen wurden. Eine Art mörderisches Duo war hier zugange. In einer nächtlichen Fressorgie müssen diese zwei Tiere in einem „Celluloserausch“ versucht haben, dem armen Buch den Garaus zu machen. Aber irgendetwas oder vielleicht irgendjemand störte, nur so versteht sich der rettende Hinweis des schreibenden Antiquars „nicht den Textteil betreffend“. Hier entsteht der Eindruck, das verletzte Buch ist gerade noch einmal mit dem Leben davongekommen und somit wird der ängstliche Leser nun endgültig aus seiner literarischen Knebelung befreit. Überhaupt, wie muss sich ein Kunde fühlen, wenn er solch eine angenagte „Bücherleiche“ auspackt?
Die Entomologie ist ein heikles Gebiet im Antiquariat. Gemeint ist nicht das Verkaufsgebiet der Insektenkunde, als das körperliche Erscheinen der Tiere selbst. Wobei man hier zwei Gruppen unterscheidet: die Unsichtbaren und die Sichtbaren.
Die erste Gruppe, die Unsichtbaren, wird quasi unfreiwillig, direkt ins Antiquariat eingeschleust. Ein kurzer Körperkontakt reicht völlig aus und man lernt sich schnell näher kennen. Wer jetzt noch glaubt „dies jucke ihn überhaupt nicht“, irrt gewaltig, denn es juckt ihn recht bald sehr. Eine derart „unheilige“ Allianz kann nur durch einen Hautarzt wieder gelöst werden. Die zweite Gruppe der Insekten ist medizinisch weniger gefährlich, aber trotzdem sehr nervig. Alleine durch ihr Gebrumme und Gesumme fällt sie unangenehm auf. Verklebte Kaffeebecher, Brötchenreste oder auch andere Leckereien sind beliebte Anflugsziele dieser Tiere, die entweder einzeln oder in kleinen „Kampfformationen“ ins Antiquariat eindringen.
Meine eigene Tierliebe wurde auf erschreckende Art und Weise bei einer Ankaufsreise in Wien auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Ich war in einem Antiquariat gelandet, das eine zweite Verkaufsabteilung im Keller hatte. Ein langer Gang, zugestellt mit Regalen und Bücherkisten führte in einen hinteren, schlecht beleuchteten Raum. Meine händlerische „Spürnase“ suggerierte mir, dass dort hinten etwas sei. Ich sollte Recht behalten. Das kleine Zimmer hatte einen Kartenschrank gleich vorne am Eingang, dahinter verbarg sich ein großes Bücherregal. Schnurstracks ging ich darauf zu, in der Hoffnung, eine bibliophile Kostbarkeit zu bergen. Als ich mich bückte, war es für eine schnelle Umkehr inzwischen viel zu spät, ein großes Tier schaute mich neugierig an. Ich hatte das Schlafplätzchen einer deutschen Dogge entdeckt. Irgendwie schaffte ich es, mich aus meinem Schockzustand zu befreien. Nun aber stand das „Herrchen“ hinter mir, der Antiquar, in übelstem Schmäh maulte er mich an: „Was machen sie hier? Haben sie meinen Hund erschreckt?“. Nein, hatte ich nicht, er blieb ganz ruhig. Aber für diesen Tag hatte ich die „Schnauze“ voll.
Michael Eschmann
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