Antiquariate im Rhein Main Gebiet

Über Buchhändlermarken
Bei der Erforschung von Exlibris von Antiquaren1 werde ich immer wieder mit Buchhändlermarken (auch Vignetten, Etiketten oder österreichisch einfach nur „Pickerl" genannt) konfrontiert. Angeboten werden diese zunächst als Exlibris, was sie im engeren Sinne jedoch nicht sind. Deshalb soll im nachfolgenden Beitrag etwas ausführlicher auf dieses inzwischen auch zum Sammelgebiet gewordene Thema eingegangen werden.
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Im weitesten Sinne sind Buchhändlermarken auch Exlibris, denn sie befinden sich in Büchern und verraten uns etwas über die Herkunft des Buches. Die Buch­händler­marke ist auf der einen Seite zunächst nur ein kleiner Adressenaufkleber, der meist aus zwei Teilen besteht. Einem Auszeichnungsfeld, das in der Regel weiß war und wiederum in ein oder zwei Unter- bzw. Nebenfelder aufgeteilt wurde. Die Rückseite hatte eine sogenannte „Gummierung", die mittels Befeuchtung entweder vorne oder gelegentlich auch hinten in den Innendeckel des Buches eingeklebt werden konnte. Das weiße Feld der unteren bzw. seitlichen Hälfte konnte mit Bleistift den Verkaufspreis und/oder eine Lager- und Inventarisierungsnummer oder auch verschlüsselt den Einkaufspreis beinhalten. Die obere bzw. seitliche Hälfte war der eigentliche Werbeträger, das gedruckte Adressfeld des Unternehmens, das eingeklebt im Buch sichtbar zurückblieb. Beim Verkauf wurde die weiße Hälfte abgetrennt, quasi als Eigenbeleg für das Kassenbuch des Händlers, während die zweite Hälfte als eingeklebte „Erinnerung", eine Art Provenienz, an den neuen Käufer überging. Schon durch diesen Vorgang wird deutlich, dass die Verbreitung von Buchhändlermarken in enormen Auflagenhöhen geschehen ist. Wann genau sie entstanden sind, ist unklar. Vermutlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Anlehnung an die ähnlich aussehenden Buchbindermarken. In Fachzeitschriftenbeiträgen wurde das Thema bereits Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts mehrfach aufgegriffen2. Leider sind diese Buchhändlermarken mit dem Verschwinden der Ladenantiquariate nun ebenfalls vom Aussterben bedroht. Für einen Sammler gibt es das Problem, die eingeklebte Marke aus dem Buch fachmännisch zu entfernen. Nicht immer gelingt dies, ohne entweder die Marke oder gar das Buch zu „verletzen". Bei nicht zu fest eingeklebten Marken kann man vorsichtig unter Zuhilfenahme eines Messers oder einer Pinzette versuchen, diese aus dem Innendeckel des Buches zu lösen. In schwierigeren Fällen hilft nur ein leichtes Anfeuchten mittels eines Schwämmchens oder Tuches, was jedoch die Gefahr in sich birgt, den Buchdeckel entweder zu verziehen oder gar zu zerstören. Eine kleine Sammlergemeinde für Buchhändlermarken hat sich bereits in den USA3 mit eigener Internetpräsenz gebildet. Der Österreicher Reinhard Öhlberger hat die Entwicklung und das Wachsen der eigenen Sammlung, die inzwischen weit über 10.000 Stück beinhaltet, in zahlreichen Aufsätzen4 und einer schön bebilderten Monographie5 aufgearbeitet und beein­druckend dokumentiert. Innerhalb der Pirckheimer Gesellschaft gab bzw. gibt es zwei Antiquare, Carlos Kühn (1928-2010) und Erich Bürck, die ebenfalls Sammler dieser Marken waren bzw. sind. Erich Bürck, der ein Versandantiquariat in Berlin betreibt, schätzt die Größe der eigenen Sammlung inzwischen auf über 3000 Stück. Gelagert werden sie in Briefmarkenalben, die wiederum nach Kontinenten, Ländern und Städten sortiert sind.
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Der letzte mir bekannte Kollege, der noch Buchhändlermarken bis vor kurzem aktiv als Preisetikette verwendete, ist der Berliner Antiquar Klaus Hohlmann. Er betreibt ein Ladengeschäft in der Nähe des Gendarmenmarktes. Auf meine Anfrage, warum er diese schöne buchhändlerische Tradition inzwischen aufgegeben habe, antwortete er, daß die Druckerei, die speziell auf die Herstellung dieser klebrigen „Etiketten" spezialisiert war, vor einigen Jahren Konkurs anmelden musste.
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Im engeren Sinne sind Buchhändlermarken jedoch keine (wirklichen) Exlibris. Warum? Abgesehen davon, dass der Buchhändlermarke der Terminus „Exlibris" grundsätzlich fehlt, drückt sich im letzteren durch ein „Bild" (Graphik oder Foto) das Entscheidende, das Individuelle dieser Gattung der Kleingraphik aus. Und zwar von der Persönlichkeit des Eigners, aber auch des herstellenden Künstlers. Erst dieses schöpferische „Doppelgespann" gibt dem Exlibris einen unverwechselbaren künstlerischen (und damit auch monetären) Stellenwert und grenzt sich von der „Massenware" der Buchhändlermarke bewusst ab. Das Stereotype der einfarbigen Buchhändlermarken wird hier durch eine individuelle Gestaltung aufgewertet. So gesehen ist jedes Exlibris ein kleines Unikat, auch wenn es mehrfach hergestellt wurde. Und dennoch gibt es auch hier eine bedeutende Ausnahme, die nicht unerwähnt bleiben darf. Gerade unter Antiquaren hat sich das sogenannte „typographische Exlibris", ein bildloses Exlibris, das nur mit Text wie z. B. „Aus der Handbibliothek (Handbücherei)" geschmückt war, häufig durchgesetzt. Es besaß durch einen eleganten Schriftzug mehr Charme als die heute üblichen Exlibrisstempel und wurde gerne für die Bibliographien und Nachschlagewerke der sogenannten „Handbibliothek" des Antiquars verwendet. Ein besonders gelungenes Beispiel dieser Gattung wurde von dem österreichischen Graphiker und Kupferstecher Hubert Woyty-Wimmer (1901 Radautz/Bukowina-1972 Wien)6 für das Wiener Antiquariat „Bourcy und Paulusch" entworfen. Der Künstler hat über 300 Exlibris gezeichnet. Dieses Geschäftsexlibris wurde als Kupferstich (Plattengröße: 9 x 12 cm) und dem Schriftsatz „Aus der Handbücherei des Antiquariates v. Bourcy u. Paulusch Wien" gedruckt. Umgeben von einem reich verzierten Schmuckrahmen der unterhalb eine Nr. mit „Leerfeld" besaß. In dieses sogenannte „Leerfeld" konnte vom Antiquar handschriftlich eine Inventarisierungsnummer eingetragen werden. Damit wurde das entsprechende Nachschlagewerk schneller auffindbar, konnte aber auch zusätzlich in einem Verzeichnis (als Versicherungsnachweis) noch festgehalten werden. Geschäftsexlibris von Antiquaren sind im Handel selten zu finden. Der Grund ist einfach: Sie kamen so gut wie nie einzeln in einen Handelskreislauf. In der Regel blieben sie eingeklebt in den Büchern. Dadurch waren sie, aus verschiedenen Gründen (Abnutzung, Brand oder Kriegsverlust), für reine Exlibrissammler für immer verloren. Dies macht die Erforschung dieses Themas so schwierig. Nur durch den geschlossenen Verkauf ganzer Arbeitsbibliotheken konnten überhaupt wenige Exemplare gerettet werden. Besonders hart traf dies auf jüdische Kollegen zu, die oftmals schön gestaltete Exlibris besaßen, jedoch durch den Nationalsozialismus die gesamten Buchbestände verloren.
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Bei der Suche nach Exlibris von Antiquaren ist das Internet eine große Hilfe geworden. Allerdings hat auch dieses gewisse Tücken. So fand ich erst vor wenigen Wochen einen Hinweis der sich wie folgt las: …„schönes Exlibris des Antiquariats Waibel". Durch „teure" Erfahrungen inzwischen misstrauisch geworden, rief ich den Verkäufer des Buches mit dem (angeblich) schönen (eingeklebten) Exlibris an, und wollte sicher gehen, dass es sich diesmal nicht wieder um eine Buchhändlermarke handelte. Bereits am Telefon spürte ich die Unsicherheit auf meine bohrenden Nachfragen. „Tja, ganz sicher bin ich mir nicht! Es könnte sich vielleicht doch um eine Buchhändlermarke handeln. Aber sie hat ein so schönes Bild! Das haben Buchhändlermarken doch üblicherweise überhaupt nicht?" Das stimmt. Nur in ganz seltenen Fällen gibt es die Buchhändlermarke mit einer Graphik. Da die ganze Angelegenheit immer rätselhafter und zugleich dadurch auch spannender wurde, ließ ich mir das Buch - unter Vorbehalt einer Rückgabe - zusenden. Die Überraschung war umso größer, als ich es auspackte. Es war weder ein Exlibris noch gar eine Buchhändlermarke, es war vielmehr eine eingeklebte (farbige) Reklamemarke des Freiburger Antiquariats Waibel. Diese Reklamemarken wurden üblicherweise außen auf die Geschäftspost geklebt. Sie erinnern in ihrem Erscheinungsbild stark an Briefmarken, der Rand ist gezackt, die Graphik meist vielfarbig. Auch sie hatten eine Gummierung. Die plakative farbige Darstellung war ein gelungener Werbeträger und wurde von vielen Handelssparten wie z.B. Apotheken, Kaffeehersteller, Schokoladenproduzenten, Seifenfabrikanten etc. erfolgreich genutzt.
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Im 19. Jahrhundert nannte man diese (bildlosen) Reklamemarken nur „Siegel­marken". Im Aussehen glichen sie einem papierenen Amtssiegel und galten als (Werbe-) Verschlußetikett auf der Geschäftspost. Die meisten Siegelmarken sind ab 1850 erschienen und wurden dann um 1900 von den bereits erwähnten Reklamemarken abgelöst. Bisher sind sie wissenschaftlich unerforscht geblieben. Diesem neuen Sammelgebiet widmet sich sehr engagiert Veikko Jungbluth mit eigenem Veikkos-Archiv7. Seit 2009 werden Siegelmarken verkauft, aber zusätzlich wird jedes Objekt auch noch bildlich archiviert. „In das Archiv wurden von uns Bilder von gehandelten Siegel- & Reklamemarken sowie Ansichtskarten eingestellt. Aktuell befinden sich über 360.000 Bilder in der Datenbank."8
In Auflagen, Gestaltung, Herkunft und vor allen Dingen im künstlerischen Wert, unterscheiden sich Buchhändlermarken, Exlibris und Reklamemarken stark von­einander. Verbindend bleibt, dass sie Zeitzeugen der Buchhandelsgeschichte sind.
Michael Eschmann
Anmerkungen und Literaturhinweise:

1 Eschmann, Michael. Spurensuche. Exlibris von Antiquaren. In: Aus dem Antiquariat. Zeitschrift für Antiquare und Büchersammler. NF 9 , Frankfurt a. M., (2011), Nr. 5, S. 228 - 233.
2 Bender, Helmut. Buchhandlungsmarketten. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel (Frankfurter Ausgabe), Nr. 84, vom 29. September 1981 (Beilage): Aus dem Antiquariat Nr. 9, A 418-419.
3 http://sevenroads.org/Bookish.html.
4 Öhlberger, Reinhard: Buchhändlermarken aus der Sicht des Sammlers. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel (Frankfurter Ausgabe), Nr. 69, vom 29. August 1986 (Beilage): Aus dem Antiquariat Nr. 8, A 358-359. Ferner: Ders.: Rätselhafte Buchhändlermarken. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel Nr. 9, vom 31. Januar 1995 (Beilage): Aus dem Antiquariat Nr. 1, A 11-14.
5 Öhlberger, Reinhard: Wenn am Buch der Händler klebt. Buchhändler-Vignetten und ihr weltweiter Gebrauch. 359 Seiten, 663 farbige und 425 schwarz/weiße Abbildungen. 12 originale Händlermarken als Beilage. Löcker Verlag, 2000. [ISBN 978-3-85409-329-2].
6 Vgl. Thieme-Becker Bd. 36; S. 269; Vollmer Bd. 5, S. 171.
7 http://www.veikkos.com/index.php?UID=2012110409463287.150.173.56
8 Ebenda.
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