Antiquariate im Rhein Main Gebiet

Über das Stöbern
Gestern rief eine Kundin an. „Wie sind ihre Öffnungszeiten?“ „Ich habe nur einen Online-Handel“ war meine Antwort. „Wenn Sie mir aber sagen, was Sie suchen, kann ich Ihnen vielleicht auch schon am Telefon weiterhelfen“. Sie wolle nur stöbern, das mache sie so gerne. Ich gab ihr den Hinweis auf unsere Website und wie man dort Bücher findet. Schon beim Erklären bemerkte ich, das ist nicht ihr „Ding“. Beim Auf­le­gen des Telefonhörers wurde mir plötzlich wieder schmerzhaft bewusst, dass mit dem Verschwinden der Ladenantiquariate auch das „Stöbern“ nicht mehr möglich ist. Heute „surft“ man, im schlimmsten Fall „scrollt“ man Titel ab, aber stöbern, dieses körperliche Erlebnis wie einst in den Antiquariaten, gibt es nur noch in Aus­nah­me­fällen.
Man stand auf einer Bücherleiter, kletterte eine Wand empor, stets von der Hoffnung angetrieben, dort „oben“ einen Schatz zu bergen. Manchmal kam man bis zur Spitze, manchmal, wenn zuviel Geröll, sprich „Gerümpel“ auf dem Weg lag, gab man schon vorher entnervt auf. Fast immer war es ein Erlebnis, egal wie man es sah. Auch die Szenen um einen herum, Kunden gingen ein und aus, Telefone klingelten, Musik klang manchmal aus einem kleinen Radio und was am schönsten war, den Antiquar konnte man neben den Büchern auch in aller Ruhe studieren. Ungewollt wurde man schnell Zuschauer kleiner Theaterauftritte. Ich erinnere mich besonders gerne an einen Antiquar in Berlin, der plötzlich sein Mittagessen, es gab Spiegeleier, auf den Tisch stellte und diese lautstark vor der Kundschaft verzehrte. Ein anderer Fall glich einer Keilerei: Die gewichtige Inhaberin geriet schnell in Rage als ihre Lebens­part­nerin eine kleine, zierliche Person ihr in einem „giftigen“ Dialog stets widersprach. Es flogen sprichwörtlich die (Papier-) Fetzen und als Kunde wurde mir auf der wackeligen Leiter doch etwas mulmig. All solche Erlebnisse gibt es im Zeitalter der „Events“ zumindest im Internet (noch) nicht.
Die Nüchternheit der Monitore regiert, bringt einen (zu) schnell zum Ermüden. „Sie müssen genau wissen, was Sie wollen, wenn Sie in den Internetbeständen stöbern“ sagte ich zu meiner Kundin. „Bücher suche ich einfach“ war die fast kindliche Antwort. Was sonst, dachte ich und dennoch war klar, dass es online eine Unmenge von Büchern gab, nur wird sie „ihr“ Buch jemals finden? Beim Stöbern im alten Sinne gab es so etwas wie die Begegnung zwischen Buch und Mensch. Ein plötzliches, uner­war­tetes Aufeinandertreffen mit ungewissem Ausgang, der in einem Kauf bzw. Nichtkauf endete. Als Bonus gab es manchmal gute Gespräche mit dem Antiquar, oftmals aber auch nicht. Das merkte man schnell, indem man das Ladengeschäft betrat. Eine Art von „Gesichtskontrolle“ beiderseitig signalisierte Sympathie oder Ablehnung, Gesprächs­bereitschaft oder Schweigen. Es waren einstudierte, später routinierte Abläufe, aber eigentlich niemals wirklich reizlos. Mochte man sich, gab es Steigerungsformen der Zuneigung: „Da habe ich noch etwas für Sie!“. Erregung in Form des Adrenalins durchzuckte den Körper, aus einer entfernten Kiste, einem Nebenraum oder unterm Ladentisch holte der Antiquar ein Buch hervor. Es war für die „Anderen“, aus welchen Gründen auch immer, bisher nicht zugänglich. Dieser Griff nach dem Objekt der Begierde machte den Ladenbesuch zu einem persönlichen Erlebnis.
Hier wurde man nicht nur verstanden, hier bekam man auch „sein“ Buch. In den großen Datenbanken mit schier unendlichen Mengen geht das so nicht mehr. Die Angebote stehen nebeneinander, manche gut, manche schlecht beschrieben. Wenn man Glück hat, ist ein Miniaturfoto dabei. Aber was sieht man darauf? Natürlich ein Buch! Aber es berührt nicht, ist nicht spürbar, irgendwie fern, versteckt im Meer des Cyberspace. Natürlich weiß ich, dass das Aussterben der Ladengeschäfte im Antiquariatsbuchhandel bereits in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf Grund steigender Mieten und immer weniger Kundschaft stattfand und eben nicht nur wegen des bald darauf aufkommenden Internets. Jedoch hat das Internet alles beschleunigt und gerade dadurch unpersönlicher gemacht. Stöbern verlangt nach Zeit, fast hätte ich Muße geschrieben. Uns fehlt es an Zeit in jeglicher Form: beim Lesen, beim Beschreiben der Bücher, beim Zuhören und beim Gespräche führen. Meine Kundin muss dies gespürt haben. Obwohl alles erklärt wurde, wie man Titel sucht, wie man Bücher findet, kam keine Bestellung mehr, keine weitere Reaktion. In einem Ladengeschäft wäre dies vielleicht anders ausgegangen: sie hätte nichts gefunden in Form von Büchern, jedoch vielleicht hätte sich ein Gespräch entwickelt, egal worüber und beim nächsten Besuch hätte man zwei Bücher verkauft.
Michael Eschmann
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